Du hast deine früheste Kindheit im Eriz verbracht, dann seid ihr nach Thun gezogen. Wie war das, so zwischen Stadt und Land ?
Beat Fahrni : Wir verbrachten jede freie Minute im Eriz. Jedoch nicht für Ferien, sondern um auf dem Hof meines Onkels zu helfen. Heuen, « Lischen » – alles ! Erst als klar war, dass ich in die Sekundarschule komme, fuhren wir für eine Woche Ferien ans Meer.
War da schon klar, dass du Unternehmer wirst, der was mit Computern macht und Mitbesitzer eines Fussballclubs ?
Beat Fahrni : Überhaupt nicht. Ich ging ins Progymatte-Schulhaus in Thun und sass in der 5. und 6. Klasse neben dem heutigen Thuner Stapi Raphael Lanz. Mit ihm verdiente ich übrigens mein erstes Geld : Wir füllten in der Drogerie « Edelweiss » Leinsamen ab. Als es um den Übertritt ans Progymnasium ging, sagte mir der Lehrer, dass ich im Progy lernen müsse. Da sagten meine Eltern : « Nur noch lernen ? Geht gar nicht. Wir müssen auch arbeiten. »
Womit die Gymer-Karriere am Ende war ?
Beat Fahrni : Genau. Ich besuchte die normale Sek. Wo wir allerdings am Samstag Latein- und Englisch-Unterricht gehabt hätten.
Gehabt hätten ?
Beat Fahrni : Genau. Latein war Freifach, wer zu schlecht war, flog raus. Englisch ebenso. Wenn man aus beiden rausflog, hatte man frei und ging Hockey spielen. So wurde ich Mitglied des Hockeyteams « Progy-Flyers ».
War damals nicht Religion auch noch fix am Samstagmorgen im Schulstundenplan ?
Beat Fahrni : Bei uns nicht. Aber ich hatte ein gutes Verhältnis zur Religion. Was sicher auch am Lehrer lag – der Einzige, der dauernd eine andere Freundin hatte und in Lederhosen rumlief. Und er stellte von Anfang klar : « Religion, Geografie und Geschichte : Das ist ein Fach. Wegen der Religion gibt es Geschichte und das hat Einfluss auf die Geografie. »
Welches war dein Lieblingsfach ?
Beat Fahrni : Neben den vorher erwähnten drei Fächern waren das Mathematik und technisches Zeichnen.
« Mit 18 wollte ich einen Töff und ein Auto – und selber zahlen. Ich wollte immer unabhängig sein und bin meinen Eltern nie auf der Tasche gelegen. »
Beat Fahrni
Darum dein Entscheid, Maschinenmechaniker zu werden ?
Beat Fahrni : Genau. Ich wollte rasch durch die Lehre, Geld verdienen und daheim ausziehen. Mit 18 wollte ich einen Töff und ein Auto – und selber zahlen. Ich wollte immer unabhängig sein und bin meinen Eltern nie auf der Tasche gelegen.
Woher kommt schon so jung diese klare Ansage ?
Beat Fahrni : Vom Streben nach Unabhängigkeit und Freiheit. Ich will selber bestimmen können. Ich wurde so erzogen : Man bestellt oder kauft nur, was man selber bezahlen kann. Ich komme aus einer Familie, in der die meisten nach dem Grundsatz lebten : « Lieber arm und gesund, als reich und krank. » Ich sagte immer : « Nein. Ich will gesund und reich sein. »
«Wenn der Kleine verschlagen wird, kannst du sicher sein, dass ich dem Grossen eine knalle. »
Beat Fahrni
Was heisst denn « reich » ?
Beat Fahrni : Wenn ich die Freiheit habe, zu tun und zu lassen, was ich will.

Und wann hast du gemerkt, dass du ein Alphatier bist ?
Beat Fahrni : Ein Alphatier ist jemand, der andere mit Argumenten überzeugen kann. Muss man Macht einsetzen und kann nicht als Vorbild überzeugen, hat man eigentlich schon verloren. Bloss : Manchmal geht es nicht ohne.
Hast du eigentlich Freunde ?
Beat Fahrni : Ja, viele ! Wir haben es immer lustig, ich klopfe gerne Sprüche, im Verein, im Skiklub, im Betrieb, überall. Allerdings nie verletzend.
Hältst du auch für andere den Kopf hin, wenn es kracht ?
Beat Fahrni : Sicher. Und ich helfe. Ich habe ein enormes Gerechtigkeitsdenken. Wenn der Kleine verschlagen wird, kannst du sicher sein, dass ich dem Grossen eine knalle.
Kurzum : Du hast alles gemacht, was man tun muss, um der bunteste Hund in und um Thun zu werden ? Kadetten, Hockey, Lehre in der Selve …
Beat Fahrni : Und weisst du, warum in der Selve ? Studer war mir zu streng, Meyer Burger zu sehr murks. Und die Waffenfabrik war nicht mein Ding. Aber die Selve : Das war geil ! Ich durfte raus aus Thun, auf Montage gehen war ein Thema, die hatten riesige Maschinen und eine Giesserei. Und wir verdienten mit Zulagen mehr als andere im gleichen Alter. Da wollte ich hin !
Aber von all den genannten Firmen ist die Selve die einzige, die es heute nicht mehr gibt.
Beat Fahrni : Mag sein. Aber wir hatten eine geile Zeit dort, Znüni auf dem Dach, wo niemand merkte, wenn du die Pause verlängerst, cooles Team . . .
Heute bist du selber Chef … der sich über solche Mätzchen nervt ?
Beat Fahrni : Ach was – meine Leute ticken genau gleich. Was zählt, ist nicht die Anwesenheit, sondern die Leistung. Egal, in welcher Zeit und wo sie erbracht wird.
Wie bist du von den Maschinen zu den Computern gekommen ?
Beat Fahrni : Wir hatten schon in der Lehre die ersten CNC-Maschinen und konnten die selber programmieren. In der Gewerbeschule fiel mir der Umgang mit der ersten Programmiersprache leicht – auch wieder ohne zu lernen. Nach einem Abstecher zum Industrieservice Thun holte mich der Bruder meiner Mutter zur Securitas. Er war dort Informatik-Leiter und verstand meine Affinität für Computer. So kam ich in Kontakt mit den ersten PCs und der Firma NCR, die mich auch auf den Geräten ausbildete – und mich noch vor Ablauf meines Vertrags bei Securitas abwarb, damit ich Lohn- und Finanzsysteme betreute.
«Wir brachten das eigene Zeiterfassungsprogramm TimeTool auf den Markt und hatten aus dem Stand die ersten Kunden – noch bevor wir das Produkt richtig fertig hatten. »
Beat Fahrni
Also vorgespurt für das, was heute TimeTool macht ?
Beat Fahrni : Jein. Eigentlich war mein Ziel, nach Dallas zu gehen. Das war damals in der IT das, was heute das Silicon Valley ist : HP, NCR, IBM – alle waren da. Doch dann wurde NCR an AT & T verkauft. Und mir war klar : In einer Hardware-Firma werde ich nicht alt. Also ging ich auf Jobsuche zu einem Headhunter. Ich war zwar erst 23, aber mein Chef schickte mich dorthin und ich wurde empfangen, als wäre ich der liebe Gott persönlich. Dann sagten sie mir, sie wollten mit mir eine Firma gründen und ich könne 10 Prozent übernehmen. Das Zeiterfassungswesen werde neu reguliert, ich sei über die Landesgrenzen hinaus hervorragend vernetzt und aufgestellt, um in dieses Geschäft einzusteigen und fähig, eine entsprechende Software zu programmieren. Schliesslich gründeten zwei Partner aus Holland und Deutschland und ich Orgatime. Wir brachten das eigene Zeiterfassungsprogramm TimeTool auf den Markt und hatten aus dem Stand die ersten Kunden – noch bevor wir das Produkt richtig fertig hatten.
Ein durchschlagender Erfolg also …
Beat Fahrni ( lacht ) : Zunächst ging es rasant vorwärts, wir konnten Kunden an Bord holen, mit denen wir noch heute arbeiten, und gewannen die Ausschreibung des Bundes. Als Vier-Mann-Firma, das musst du dir vorstellen !
Und der Preis für den Erfolg ?
Beat Fahrni : Montag bis Freitag 18 Stunden Arbeit pro Tag, vier Stunden Schlaf. Von Samstagabend bis Sonntagmorgen im Thuner Selve-Areal – vornehmlich im Nachtwerk. Doch der Laden lief, wir wuchsen, hatten plötzlich 30 Leute. Bis es dann am 24. Dezember 1996 – kein Witz ! – zum grossen Knall kam.
Wie das ?
Beat Fahrni : Unser Mehrheitsaktionär krallte sich alle flüssigen Mittel, um für seine Tochter eine Tennishalle zu bauen. Zusammen mit unserem damaligen Wiederverkäufer konnten wir die nötigen Mittel noch aufbringen und die Firma retten. Doch als der Chef dort pensioniert wurde, drehte der Wind : Wir hatten den Aufwand, unser Partner die Erträge. So, dass wir uns teuer rauskaufen mussten, von Bern an einen günstigen Standort in Thun zogen und die Firma auf 12 Personen runterfuhren. Eigentlich waren wir gut unterwegs – wiederum dank eines neuen Investors. Weil aber auch diese Zusammenarbeit nicht funktionierte, ging Orgatime Konkurs. 2000 gründeten Mitarbeiter TimeTool als Nachfolgefirma und übernahmen den Kundenstamm sowie die Software und das Team – und starteten so mit einem Minus von 3 Millionen. Zwei Jahre später holten sie mich wieder an Bord.
Das müssen prägende Jahre gewesen sein.
Beat Fahrni : Definitiv. Wir haben wieder angefangen, Geld zu verdienen und viel gespart.

Bist du ein gebranntes Kind ?
Beat Fahrni : 2008 lief der Laden richtig gut, seit meiner Scheidung waren drei Jahre vergangen. Ich hatte eine neue Partnerin an meiner Seite, ging ins Büro und sagte dem Team : Ich fehle jetzt mal für ein Jahr. Zwei der grössten Kunden waren ohnehin auf dem Absprung ; einige im Team standen vor der Pensionierung, wir konnten die Firma geordnet auf 6 Leute runterfahren. Mich brauchte es vorerst nicht. So konnten wir die Welt ansehen, klettern gehen, das Leben geniessen.
Warum kommt man aus dem Dolcefarniente zurück ?
Beat Fahrni : Nach meiner Rückkehr arbeitete ich noch zwei, drei Tage die Woche, hatte einen bescheidenen Lohn, und war eigentlich zufrieden – ich hatte ja alles, was ich brauchte.
Aber ?
Beat Fahrni : 2011 bestellte mich einer unserer grössten Kunden ein und erklärte mir, dass unsere Software altmodisch sei – nicht webbasiert, ohne brauchbare App. Ich erklärte ihm, dass wir eine Million brauchen würden, um das alles zu entwickeln. Seine Antwort : Wenn Sie diese Million hätten, könnten Sie ein Produkt entwickeln, das Sie gut verkaufen könnten. Was mir wohl klar war – aber ich sagte, niemand gebe uns einfach so eine Million. Da schaltete sich der Senior-Chef des weltweit tätigen Konzerns ein und sagte : Wenn wir zu einem anderen Anbieter wechseln müssen, kostet uns das mehr. Sie kriegen das Geld von uns. Ich trommelte mein Entwicklerteam zusammen und nach vier Monaten – wieder mal Tag und Nacht Vollgas – hatten wir alles beisammen. Ab da ging die Post so richtig ab.
Bis zur Pandemie, nehme ich an ?
Beat Fahrni : Im Gegenteil. Wir, mittlerweile wieder 25 Leute, gaben am 1. Tag des Lockdowns Kurzarbeit ein – und widerriefen nach einer Woche. Die Leute rannten uns die Bude ein, alle wollten dezentrale Zeiterfassung für Homeoffice, die App war gefragt wie noch nie. 2020 war unser bisher bestes Jahr.


Hast du ein Leben neben der Firma – oder jemals gehabt ?
Beat Fahrni ( lacht ) : Sicher – schon lange wieder. Seit drei Jahren bin ich operativ nicht mehr tätig. Beim letzten Firmenfest im August 2024 – ich kam gegen fünf Uhr am Abend an – erklärte mir meine Frau um drei Uhr in der Früh : Du warst heute mehr Stunden hier als zuvor im ganzen Jahr.
Was machst du denn ?
Beat Fahrni : Komit aufbauen, Uxan aufbauen, mich am FC Thun beteiligen und ihn auf Vordermann bringen, zusammen mit Kollegen eine solide wirtschaftliche Basis für Wacker Thun schaffen. Meine Frau sagt mir dann natürlich, dass es nicht stimme, wenn ich sage, ich arbeite nicht. Weil ich sehr oft unterwegs bin, Menschen treffe, Neues erfahren und lernen will. Nur ist das für mich nicht Arbeit.

Ist das gesund, was du machst ?
Beat Fahrni : Die Frage ist : Ist es nachhaltig ? Oder rückgefragt : Sehe ich ungesund aus ?
Nein.
Beat Fahrni : Siehst du. Ich stehe morgens auf, habe Freude, ob es regnet oder nicht, ich habe Freude am Leben. Ich schaue zu meinen Kindern, bin jeden Montag daheim. Ich habe immer Kollegen gehabt, Feste gefeiert. Ich gehöre nicht zu denen, die acht Stunden pro Tag bügeln. Ich arbeite lieber zwei Tage lang je 16 Stunden und habe dann einen Tag gar nichts. Ich habe keinen Rhythmus. Ich liebe das Extreme mehr als das Normale.
Warum scheinst du keine Bremse zu kennen ?
Beat Fahrni : Ich habe eine hohe Kondition, einen wahnsinnigen Willen und bin hilfsbereit – immer schon. Zum Beispiel im Militär. Wenn einer nicht mehr konnte, trug ich auch noch sein Gewehr.
Genügen Kondition, Wille und Hilfsbereitschaft, um erfolgreich zu sein ?
Beat Fahrni : Ich bin wahrscheinlich nicht der Dümmste. Ich glaubte immer, alle seien mehr oder weniger gleich intelligent. Bis ich merken musste : Da liege ich wohl falsch. Ich bin ein Dickschädel und man muss mich überzeugen können. Und wenn ich was verspreche, halte ich es. Ich würde mir lieber den Finger abschneiden, als zurückkrebsen.

Ein ADHS-Kind ?
Beat Fahrni : Ja, bin ich. Ich hätte Ritalin nehmen sollen – aber zum Glück gibt es da auch natürliche Alternativen.
Du hast dich stets exponiert und es war dir egal, dass sich jeder eine Meinung zu dir bildet.
Beat Fahrni : Das tun die Menschen sowieso. Ich gehöre zu der Sorte Mensch, die in einen Raum mit vielen Leuten kommt und sich zuerst einen Überblick verschafft. Ich exponiere mich erst, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht habe und weiss, was läuft. Und : Ich mache meine Hausaufgaben immer.
Ist diese akribische Herangehensweise an Herausforderungen ein Überbleibsel der Lehre zum Mechaniker ?
Beat Fahrni : Vielleicht. Vielleicht war dieser Wesenszug auch der Grund, dass ich Mechaniker lernte. Ich verstehe gerne Zusammenhänge. Ich lese alles Mögliche. Das Hirn ist ein Muskel, den man trainieren muss.