Wann löst die Bahn den kontinentalen Flugverkehr ab ?

19 Jahre – fast sein ganzes Berufsleben lang – ist André Schmid nicht nur in der Reisebranche unterwegs. Ebenso lange steht er im Sold des Bahnreiseanbieters Railtour Suisse, mittlerweile als Verantwortlicher für die IT. Ein Job, der bei Railtour noch mehr Gewicht hat als in anderen Firmen. Doch dazu später mehr.

André Schmid verantwortet die ganze IT bei Railtour Suisse.

« Mein eigentlicher Traumjob war Lokführer », sagt Schmid. « Doch mit der Lehre als Informatiker mit Fachrichtung Systemtechnik hat sich dieser Wunsch verflüchtigt. » Nach einer kurzen Episode als IT-Freelancer heuerte Schmid bei Railtour Suisse an. Er startete dort eine Laufbahn, welche ihn durch alle Bereiche der Informatik führte : Zuerst in den Support, dann als Leiter der IT-Technik. Als Leiter der Webentwicklung übernahm er die Softwareabteilung. Kurzum : Bevor er die Verantwortung der gesamten IT übernahm und Teil der Geschäftsleitung wurde, hat Schmid sämtliche Bereiche der IT-Abteilung von innen kennengelernt.

Die grosse Spezialität von Railtour Suisse : Das Unternehmen verkauft nicht nur Reisen. Es hat auch eine ­eigene Softwareentwicklungsfirma, die Online Travel Information Services AG. « Weil es immer so spannend und abwechslungsreich war und weil ich mit viel Vertrauen beschenkt wurde, war ich immer sehr gerne Teil der Railtour-Familie », sagt Schmid. Und nennt einen der Gründe für sein langjähriges Commitment zur Firma. « Mir gefallen die genialen Produkte, der stetige Wandel und der familiäre Umgang in der gesamten Branche. »

Die IT-Kompetenz im Unternehmen ist auch die Basis dafür, dass sich mit dem Online-Buchungstool von Railtour Billette für internationale Zugverbindungen, Hotelbuchungen und touristische Zusatzleistungen, wie Eintritte in Museen, Konzerte usw. in einem Paket buchen lassen. Etwas, das bei den einzelnen Bahnunternehmen nicht immer möglich ist. « Wir binden die Buchungssysteme der grossen europäischen Bahngesellschaften, wie SBB, DB, ÖBB, SNCF und Tren Italia an », sagt André Schmid.

Das Problem : Anders als beispielsweise bei Flugreisen sind die Buchungsplattformen der einzelnen Anbieter überhaupt nicht miteinander kompatibel. « Der internationale Schienenpersonenverkehr ist teuer und komplex in der Produktion », sagt Schmid und verweist auf « wettbewerbliche und betriebliche Aspekte ». Konkret : Mehrwertsteuersätze unterscheiden sich, Infrastrukturkosten werden verschieden berechnet, die Trassen werden von verschiedensten Unternehmen beansprucht, das Rohmaterial – Wagen und Loks – unterscheiden sich. « Kommerzielle Interessen und nationale politische Prioritäten sind hierbei von Bedeutung », sagt André Schmid.

Weshalb Railtour Suisse als grösster Schweizer Bahnreiseveranstalter gleich einen ganzen Forderungskatalog an die Bahnen richtet : Unter anderem eine einfachere Buchbarkeit internationaler Bahntickets, die Vereinheitlichung und Ausweitung der Buchungshorizonte im Internationalen Personenverkehr auf zwölf Monate, eine Vereinfachung der Rückerstattungsprozesse sowie die Möglichkeit, den nächsten verfügbaren Zug zu nutzen – egal von welchem Unternehmen des Branchenverbands Railteam-Allianz er betrieben wird.

André Schmid bleibt auch in hektischen Zeiten gelassen.

Die Frage, ob der komplexe Buchungsprozess einer der Gründe sei, weshalb das Bahnreisen neben der Fliegerei gerade international immer noch ein Nischenprodukt sei, kontert Schmid mit bemerkenswerten Fakten : « Die Nachfrage nach grenzüberschreitenden Reisen auf der Schiene ab und nach der Schweiz boomt », sagt er. So verzeichnete die Branche 2023 ein Plus von 40 Prozent bei den Fahrgästen gegenüber der Vor-Corona-Spitze. « Das Angebot hingegen nahm bloss um 30 Prozent zu », sagt André Schmid.

Täglich sind 40 Züge aus der Schweiz nach Deutschland unterwegs, 20 nach Italien, 18 nach Frankreich und 14 nach Österreich. Hinzu kommen nachts acht Verbindungen nach Deutschland und gen Osten. Heute verbindet die SBB mit ihren Kooperationspartnern 10 Länder und befördert international mehr als 12 Millionen Fahrgäste jährlich. Bis 2050 rechnet die Branche mit einer Verdoppelung der Nachfrage, « auch für Ziele mit Fahrzeit von über sechs Stunden », so Schmid.

André Schmid ist überzeugt, dass es mit Bahn-Ferien vorwärts geht.
Mit 600 000 Passagieren vermeldete die SBB im letzten Jahr einen neuen Rekord bei den Nachtzügen. Was freilich immer noch wenig ist, gemessen am gesamten internationalen Bahnverkehr. Die Kapazität der Nachtzüge ist im Vergleich zu den Tageszügen beschränkt, weil im Vergleich weniger Passagiere pro Zug reisen können. « Trotzdem sind sie beliebter als noch vor zehn Jahren », sagt Schmid. So seien Nachtzüge kombiniert mit den Tageszugverbindungen aus der Schweiz « eine echte Alternative » zu Kurzstreckenflügen.

Zum Vergleich : Im Flugverkehr zwischen der Schweiz und anderen Ländern sind gemäss dem Bundesamt für Statistik rund 36 Millionen Passagiere pro Jahr unterwegs, deren Reise entweder in der Schweiz beginnt oder endet – also ohne Transit-Passagiere. Wobei London, Paris, Amsterdam, ­Berlin und Barcelona am meisten angeflogen werden.